Umbauung der Unterkirche

 

Verglichen mit der progressiven Architektur von Quer-schiff und Chor, muß die noch flach abgedeckte Unterkirche mit ihren niedrigen Trennbögen und altertümlichen Galerien - obwohl sie erst 50 Jahre alt war - bei den Kirchenmeistern und den märchenhaft reichen Pfarrmitgliedern und Zunftleitungen eine gewisse Unzufriedenheit hervorgerufen haben.
Über die mengenmäßige Harmonie von Zahlen und Verhältnissen bevorzugte man nun die qualitative Sinnlichkeit von Licht und Farbe.
Das Kirchenschiff mit seiner Gliederung von vier aufein-anderfolgenden Registern oder Zellengängen spekulierte auf die Wirkung der punktuell durchbrochenen flachen Mauer. Es stellte eine Architektur des Gleichgewichts dar, in der die gegen die Rillen angebrachten Dienste der gespannten Seiten für etwas Leben sorgten.
Der Hochchor hingegen eroberte die Höhe ohne Fragmentierung in Stockwerke, aber durch eine nervöse Bündelung aller aktiven Kräfte und einem gewagten Skelett, spekulierend auf die Leere einer glasverkleideten Gitterwand. Es verwirklichte eine großartige transzendente Architektur.

Die Menschen im Mittelalter waren sich der ungünstigen Relationen der neuen Längsmauern bewußt. Als die zweite Südkapelle in ein Portal umgeändert wurde, mußten ziemlich massige Flankiertürmchen sowie eine tiefe Nische dafür sorgen, daß das Maßwerkfenster eine elegante Aussicht erhielt.Dieses Südportal ist übrigens ein raffiniertes Stück Kleinarchitektur. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert, als um den Friedhof eine Mauer gebaut wurde und daher eine spezielle Leichentür angebracht werden mußte, um die Verstorbenen auf den Gottesacker zu bringen. Bei der Beisetzungsliturgie sang man "In paradisum deducant te Angeli", und daher wurde die neue Tür "das Paradies" genannt und in der Tat auch paradisisch geschmückt. Die Unterkirche wurde später verschönert, indem einige Hochreliefs der ehemaligen Docksaale der Sankt-Veerle-Kirche im Bogenfeld des Westportals aufgestellt wurden.

 

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Diese Gebetsstelle bei dem Grafenschloß wurde während der Religionsunruhen im 16. Jahrhundert vernichtet. Das Kapitell zog 1585 um in die Sankt-Nikolaus-Kirche, wo die Reliefs 1598 restauriert und neu bemalt wurden. Sie stellen dar, wie die Menschen durch das Leiden und Sterben des menschengewordenen Sohnes Gottes von der Erbsünde befreit werden.Noch während der letzten Phase des zweiten Bauab-
schnittes, d. h. um 1270, wurde die feinproportionierte Unterkirche aufgebrochen, um das System der Glieder-ungen der Hochgotik anzuwenden. Tribünen und Trennbögen wurden abgerissen und durch hohe Bündel-pfeiler zur Überwölbung des Mittelschiffes ersetzt. Gleichzeitig wurden auch die Seitenschiffmauern weggeschlagen, um zwischen den Strebenpfeilern Kapellen zu bauen.
Eher untiefe Kapellen also, deren Außenwände auf gleicher Ebene wie die beigearbeiteten Strebenpfeiler lagen.
Dies vermittelte wohl ein monotones Bild, das der Baumeister zu kompensieren versuchte, indem er über die Fenster Wimberge anbrachte und die Strebenpfeiler wie eine Art Pinakel hochzog, um einen gewissen Rhythmus zu erzielen. Er hatte diese Lösung in Gent gesehen an den Längsmauern der Dominikanerkirche, die zwischen 1240 und 1300 gebaut wurde (abgerissen in 1860). In dieser einschiffigen Kirche waren die Gewölbeflächen wohl viel schlanker, da sie die volle Höhe in Anspruch nahmen. Die Seitenschiffen von Sankt-Nikolaus wiesen kein vorteilhaftes Höhen-Breiten-Verhältnis auf und die Oberlichtmauer wurde durch ihre massive Erscheinung verdrängt. Dies gelang besser in dem Westgiebel, wo zwischen den Treppen-türmen ein immenses Spitzbogenfenster ausgebrochen wurde, das zusammen mit den Fenstern der Seitenschiffe und den blinden Frontmauern der Kapellen eine monumentale Einheit bildet.