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Zwischen 1200 und 1300 erlebte die
Sankt-Nikolaus-Kirche drei Bauabschnitte: erst die frühgotische
Unterkirche, dann den Mittel- und Ostteil in vollendeter Scheldegotik und
schließlich die Anpassung des Kirchenschiffes an den Prinzipien der
reifen Gotik.
Im 14. Jahrhundert entstand das Bedürfnis, dem scheldegotischen Chor
seine regionalen Merkmale zu entnehmen und dem klassischen internationalen
Stil anzugleichen. Die einzige Inspirationsquelle bildete dazu der
majestätische Chor der Bischofskirche von Tournai, gebaut von 1242 bis
1255, ein Zeitraum, der auch dem Ende der Entwicklung der Gotik in
Nordfrankreich entsprach: eine bis zum äußersten durchgeführte
Verglasung der Wände und eine Gruppierung von Umgang und Strahlkapellen
am Chorschlub.
Die Gründe, warum man nötigenfalls dieses Schema auf die Genter
Pfarreikirche anwenden wollte, bezogen sich sowohl auf die
sozialpolitische als auch die religiös-
spirituelle Entwicklung. Gent erlebte 1300 den Übergang von einem
Patrizierregime zu einer demokratischen Verwaltung von Zünften,
Handwerkern und Gewerbe. Diese Epoche war auch von einer religiösen
Erneuerungs-bewegung gekennzeichnet, in der das persönliche Verhältnis
zu Gott den Vorrang erhielt vor dem gemeinschaftlich bestimmenden Geist
der überholten Scholastik.
Man wollte daher einen Umfang von Kapellen, wo die Religion in
Abgeschlossenheit praktiziert werden konnte. Zu dem Zeitpunkt, wo dieses
ehrgeizige Bauprogramm konzipiert wurde, geriet die Stadt in einen Strudel
von politischen und wirtschaftlichen Problemen, die die schnelle
Durchführung behinderten.
Die vieleckige Apsis sowie ihre Kapellen wurden daher erst 1432
fertiggestellt und das dann auch noch in einer schlankeren, sachlichen und
ausgelöschten Bausystematik. Trotz alledem wurde im Inneren dem
spätgotischen Traum Gestalt verliehen durch Schloßsteine mit kunstvollen
Bildhauerarbeiten, polychrome Verarbeitung, ätherische Gewölbemalerei
und ausdrucksvolle Grab-fresken.
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