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Um
1225 wurde das Gelände für die zweite Baustufe geräumt. Mittlerweile
hatten sich die Architekturformen und auch die Finanzmittel der Pfarrei
dermaßen entwickelt, daß man von dem ursprünglichen Plan abwich, um
einen noch größeren Plan zu fassen. Lediglich die Verlängerung des
Kirchenschiffes entsprach dem bereits fertiggestellten Teil, sei es dann
auch mit verjüngten Details.
Das
Querschiff und der Chor erhielten etwas höhere Giebel und Dächer, aber der
größte Unterschied liegt in der Aufstellung der Travée. Die Plattformen
wurden weggelassen, so daß die Schiffarkaden maßlos hochgezogen werden
konnten für einen optimalen Lichteinfall im Mittelschiff, das nun von
vornherein überwölbt wurde. Das Auffangen der Kreuzrippen der Überwölbung
auf gewölbeweise aufsteigenden Stützen verlieh der gegliederten Innenwand
gleichzeitig einen starken Rhythmus. Diese Dienste liefen über die
Kapitelle der großen Säulen aus kunstvoll bearbeiteten Baldachinen,
die zusammen mit den, durch kleine Fußsäulen getragenen Konsolen Ständer
für Bilder von Säulenheiligen bildeten. In der alternierenden Verschiedenheit
der skulpturalen Behandlung von Kapitellen, Baldachinen und Konsolen
wurde die Erinnerung an den Stützenwechsel in alten Kirchen wachgerufen.
Das Chor war flach geschlossen: das Mittelschiff nach vier, die
Seitenschiffe nach drei Spitzbögen. Diese reduzierte Form des Chorendes
findet man in der Architektur der Zisterzienser sowie einigen frühgotischen
Kathedralen und insbesondere in der eigenen Gebietstradition.
Die Verkleidung des Kircheninneren war ganz anders
als heute. Die Bewohner des Mittelalters sahen die Welt durch die Augen
Gottes und wollten die Rohbaustoffe, mit denen Pfeiler, Wände und Gewölbe
hergestellt waren, entmaterialisieren durch eine polychrome Verarbeitung.
Auch das einströmende Tageslicht wurde ursprünglich durch farbige und
illustrierte Glasfenster transfiguriert mit einem übernatürlichen
Lichtschein. Ungefähr so, wie die Substanz der Opfergaben bei der Eucharistie
verwandelt wird. Der übersinnliche Charakter des neuen Gebetsraumes
gipfelte in dem gewaltigen Mittelturm. Es war ein alter einheimischer
Brauch, die ordnenden Kräfte des Kreuzes in den Kirchenarmen mit einer Höhendimension
zu bereichern, aber hier öffnete sich der Raum in der Kreuzkirche in eine
göttlich leuchtende Laterne. An dieser Stelle war das Leben für den Gläubigen
keine ziellose Irrfahrt mehr, sondern eine zielgerichtete Suche nach dem
Licht, das in die Welt hineinkommt.
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Über dem astralen Gewölbe des Turmes befand sich
ein offener Glockenraum, in dem die Stadtwärter und die Stadtglocken
untergebracht wurden, bevor man in Gent an einen eigenen Stadtbellfried
dachte. Der Kampanile von Sankt Nikolaus, mit ursprünglich hoch herausragender
Nadel, bildete somit nicht nur für die Pfarrei einen Hafen symbolischer
Geborgenheit und Gnade, sondern für die ganze Gemeinde ein Zeichen von
Freiheit und Sicherheit. Bei der Erneuerung der Galerie in 1405 wurden
in allen Richtungen Brustbilder, die mit weit geöffneten Augen über
die Stadt wachen sollten, aufgestellt. Natürlich wurde die wirkliche
Arbeit von Männern aus Fleisch und Blut verrichtet, aber die Einwohner
des Mittelalters sahen das nicht so. Sie fanden ein Sinnbild immer stärker
als eine einfache Tatsache.
Von unerreichter reiner Schönheit ist die
Komposition der Querschiff- und Turmgiebel, bei denen Gruppen von zwei
oder drei Lichtöffnungen oder Doppelwandsystemen, einmal im Innenblatt
und dann wieder im Außenblatt, angebracht sind, was zu einem subtilen
Spiel von inneren und äußeren Laufgängen und suggestiven
Schattenzonen führt. All diese Giebel werden flankiert von Ecktürmen,
welche die aufeinanderfolgenden Gliederungen zusammenbinden und mit
ihren, über die gesamte Höhe durchlaufenden Diensten den senkrechten
Eindruck verstärken. Durch dieses Mittelteil wurde die Genter
Sankt-Nikolaus-Kirche zweifelsohne zum vornehmsten Erzeugnis der
Scheldegotik, deren leichter und klarer Aufbau weiter durch
Skulpturdetails verfeinert wurde.
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